EX DRUMMER
Legend Films
Regie: Koen Mortier
Ich bin kein Rocker und mich interessiert der Rock nicht. Ich kenne gerade mal ein Dutzend Song der Stones, mag irgendwelche The-Bands erst, wenn diese in die Heavy Rotation kommen und verhalte mich gegenüber Leuten in schwarzen, speckigen Lederjacken von oben herab. Schlimmer wird es bei Punksden versifften Punks von der Straße. Die sind mir scheißegal. Sollen sie sich und ihre stinkenden Köter doch verdreschen. Im besten Fall belustigt es mich. Ich kann es nicht ausstehen, wenn Bier Sinn und Zweck ersetzt. Dann vergesse ich meine anthroposophische Lebenseinstellung. Hier beginnt der Moment, an dem ich mich mit den Punks auf einer gewissen Ebene befinde. Ich schaue sie an und denke an Abschaum. Verliere ein Stück meiner eigenen Würde, werde sarkastisch und würde ihnen am liebsten abgehauene Flaschen in die Hand drücken, damit ich was zu glotzen habe.
Wer solche Gefühle kennt, wird von Ex Drummer nicht schockiert sein. Der Nobelschriftsteller Dries zerstört in subtilster Art die Leben dreier behinderter Prollrocker, die eines Tages bei ihm klingeln und fragen, ob er ihr Drummer werden will. Sie kennen ihn, da er vor Ewigkeiten als Schlagzeuger erfolgreich war. Es geht um einen einzigen Auftritt auf einem kleinen Festival. Dries sagt zu. Der Schweinehund hat ihn gepackt. Kurzer Urlaub in der untersten Gosse Belgiens. Kurzer Urlaub von seinem perfekten Leben. Er schafft sich zwischen roher Gewalt, Menschenverachtung, Misshandlungen, Stumpfsinn und Drogenexzessen einen Raum seiner eigenen Willkür. Es ist das Böse, sein Ich, welches zum Vorschein kommt, das notwendige Gegengewicht seines normalen Lebens. Er mutiert aber nicht zum krassen Monster, ein paar gezielte Schläge tun es auch, der Rest ist Psychoer schafft Abhängigkeiten und zerstört sie, bis sie sich selbst zerstören.
Erstaunlich an diesem Film ist vor allem die Glaubhaftigkeit der Schauspieler. Es wirkt nichts aufgesetzt, nichts gekünstelt. Der Regisseur, Autor und Produzent, Koen Mortier, vernachlässigt bei seinem Spielfilmdebüt keinesfalls die künstlerische Herangehensweise. Obwohl er auf 35mm filmt, wirken manche Bilder videohaft. Zwar spielt er auch mit den Sets, dreht sie um oder schickt die Schauspieler in eine begehbare rosa Plastikpussy, bleibt seiner einfachen und direkten Linie dennoch treu. Political Correctness gibt es im Sozialsumpf nicht. Mortier ersetzt sie durch Schläge, Blutspuren und Scharfsinn. Der Film kann nur verstanden werden, wenn man Dries’ Gewalt zwischen der feinen und rohen Brutalität der restlichen Bilder versteht. Den unnötigen, finalen Showdown nutzt er zum Beispiel als Einblick in die Seele der Menschen. Ein raffiniertes Drama über gewalttätige Idioten, ohne das intellektuelle Level zu verlieren.
MIRON TENENBERG
SHOOTER
Paramount Home Entertainment
Regie: Antoine Fuqua
Es ist zugegebenermaßen ein primitives Vergnügen, aber ich liebe es einfach, wenn Sachen in Filmen explodieren. Vor allem Köpfe. Irgendwas unerklärlich Erfüllendes, schon fast Beruhigendes empfinde ich beim Anblick von Flutwellen roter Flüssigkeiten und weißen Stückchen, die wie Konfetti den Fernseher einhüllenje größer, desto besser. Die späten 80er und 90er zählen zu den guten Zeiten der großen Filmkracher und wulstigen Filmmuskeln. Das war das Goldene Zeitalter der Bad Boys und der sorglosen, liebenden, amerikanischen Hardcoregewalt. Der 11. September mag den Zerstörungsappetit etwas gedämpft haben. Glücklicherweise kam die Gewalt kurz nach den Anschlägen racheähnlich zurück und mittlerweile sind Kriegsspuren wieder auf allen Kinoleinwänden zu finden, wie in Folterszenen, die zunehmend ein absolutes Muss zu sein scheinen. Egal ob es James Bond ist oder irgendein Tourist, der inmitten seiner außenpolitisch-exotischen Abenteuer an einen Stuhl gefesselt wird und, ja, natürlich hier in Shooter.
Bob Lee Swaggers Name ist offensichtlich so ausgewählt, dass es sehr an Lee Harvey Oswald erinnern soll. Irgendwie eben, wie ein Gewehr, das auf den US-Präsidenten zielt. Trotzdem ist es an den Haaren herbeigezogen, was diese ganzen historischen Anspielungen über das Kennedy-Attentat mit dem Aggrogesülze über den amerikanischen Kongress zu tun haben sollen. Alles, was wir am Ende über Bob Lee Swagger wissen, ist, dass er ein ordentlicher Kerl ist. Mehr brauchen wir prinzipiell auch gar nicht zu wissen, wenn ein Ami ’ne Knarre in der Hand hält.
Es könnte ein typischer Männeractionfilm sein: Es gibt Scharfschützen, do-it-yourself-Operationen am eigenen Körper und fette Kampfhubschrauber. Aber Shooter legt die IQ-Latte noch ein wenig über die der durchschnittlichen Actionstreifen, indem es das Nonstop-Programm krasser Action eben nicht in die Quere bitteren Politzynismus kommen lässt.
Hollywood hat endlich den Punkt erreicht, dass ein schwarzer Schauspieler, so symbolträchtig wie Danny Glover, den Bösewicht im Auftrag der Regierung spielen kann. Letzten Endes führt einen der Plot zu einem rücksichtslosen, zynischen, schweinischen Senator, der erklärt, dass der Vertei-digungsminister „die Öffentlichkeit anlügt“, da dieser behaupte, der Irakkrieg sei für die Freiheit und Demokratie wichtig und keineswegs für Öl. Hm. An wen die wohl gedacht haben müssen?
HECTOR MÜLLENBERG