
e näher der 1. Juni kam, desto mehr wächst die Angst der Regierung vor Massendemonstrationen. Gerüchte gehen um, dass man die Polizei, bewaffnete Wachen und die Armee einsetzen würde, und dass die Regierung auf ihre eigenen Beamten und Angestellten, ebenso wie alle Universitätslektoren und Lehrer schießen würde, die an dem Marsch teilnehmen. Zudem werden alle Studenten, die auf der Demonstration erwischt werden würden, mit Ausschluss bedroht. Die Regierung verteidigt sich, indem sie darauf verweist, dass sie auf dem Parkplatz der Stadtverwaltung eine spezielle Zone eingerichtet hätte, wo eine legale Demonstration abgehalten werden darf und sie daher ja nichts Unannehmbares verlangen würde. Die Sache hat nur einen Haken: Von den Demonstranten wird verlangt, dass sie sich in einer Reihe anstellen, sich fotografieren lassen und Beamte ihre persönlichen Daten aufnehmen lassen sollen, bevor sie anfangen können zu demonstrieren. Am 31. Mai, einen Tag vor der Demo, verkündet die Regierung dann, dass der Bau der Milliarden Dollar teuren petrochemischen Fabrik vorerst ausgesetzt wird. Viele halten das lediglich für einen Trick der Regierung, um die Massen zu beruhigen, aber laut den staatlichen Medien sind fast eine Million SMS an die Regierung gesendet worden, in der sie aufgefordert werde, das Projekt abzublasen. Die Demonstration wurde aber trotz der Bekanntmachung der Regierung nicht abgesagt. Am Vormittag des 1. Juni „marschierte nur eine kleine Gruppe Leute“, wie mir ein Demonstrant, der anonym bleiben möchte, berichtet, „aber es standen viele Leute am Rand, um das Geschehen zu beobachten. Zunächst herrschte zwischen den Polizisten und den Demonstranten eine angespannte Stimmung, aber sobald die Leute merkten, dass es nicht gefährlich war mitzumarschieren, schlossen sich viele Leute an. Gegen Nachmittag waren circa 10.000 Leute unterwegs, wenn man die Marschierenden und die Zuschauer zusammenzählt. Die Polizei und das Militär waren zahlenmäßig unterlegen. Sie versuchten Ketten zu bilden, um die Straßen zu blockieren, aber es war leicht, an ihnen vorbeizukommen. Ehrlich gesagt, leistete die Polizei keinen sonderlich starken Widerstand, denn es schien, dass sie uns heimlich zustimmten.“ Dieser Kumpel von der Demo zeigt mir Fotos, die er auf dem Marsch gemacht hat, und ich sehe, dass ganz verschiedene Leute dabei waren, darunter viele Kinder.
„Alles in allem lief es sehr friedlich ab, denn die Leute in Xiamen, sind sehr relaxt“, sagt er mir. „Ein paar der Polizisten boten den Demonstranten Wasserflaschen an, aber die Leute weigerten sich, sie anzunehmen und sagten, dass sie kein Wasser vom Feind trinken würden.“ Er lacht und erzählt mir, dass ein Freund von ihm, der bei der Spezialpolizei arbeitet (dem chinesischen Pendant zum FBI), ein paar Tage nach der Demo zu ihm gesagt hätte, dass er ihn bei dem Protest gesehen habeer hätte gescherzt, dass er ihn festnehmen könnte, wenn er wollte. Letztendlich dauert die Demonstration zwei Tage und verläuft ohne größere Zwischenfälle. Ich frage ihn, ob irgendjemand verhaftet wurde, und er sagt mir, dass er gehört habe, dass ein paar der Hauptorganisatoren festgehalten wurden.
Ich bin die ganze Zeit über zu Hause gewesen und versuchte, das Geschehen im Internet mitzuverfolgen. Wird man in China als Ausländer bei einer öffentlichen Demonstration erwischt, wird man auf der Stelle ausgewiesen und darf auch in Zukunft nicht wieder in das Land zurück. Ich will nicht, dass mir das passiert. Während der Proteste stellen viele Leute Fotos des Geschehens ins Internet. Im Schnitt dauert es, sobald ein Foto ins Netz gestellt wird, fünf Minuten, bis die Webpage oder die komplette Website von der Internetpolizei blockiert wird. Am Ende beginnen die Leute die Fotos bei Flickr reinzustellen, wo es wahrscheinlich am längsten dauert (etwa ein oder zwei Tage), bis ihre Seiten und Benutzerkonten nicht mehr zugänglich sind. Am 7. Juni ist die komplette Flickr-Seite fast überall in China gesperrt. Flickr veröffentlicht auf ihrer Website ein Statement, dass sie „sich definitiv sehr um unsere Freunde sorgen, die keinen Zugang zu ihren Bildern haben. Wir haben Leute kontaktiert, um hoffentlich eine positive Lösung zur Wiederherstellung der Bilder zu finden.“ Aber nachdem ich ein wenig recherchiere, ist mir klar, dass China gerade in Verhandlung mit Yahoo! steht, um Flickr China herauszubringen, was bedeuten würde, dass die chinesische Regierung die User dann stärker kontrollieren kann. Gerade schwirren auch Gerüchte herum, dass YouTube hier gesperrt wird und in der näheren Zukunft durch YouTube China ersetzt wird. Google haben sie schon. Wie lange wird es noch dauern bis MySpace und Facebook nachziehen?
PAT PAT
THE GREAT FIREWALL |
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