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Die Hand, die die Ölpumpen bedient, kontrolliert die Welt. Zwischen 1979 und 2003 gehörte diese Hand Saddam Hussein. Er benutzte sie außerdem, um Todesbefehle für Andersdenkende zu unterschreiben, seine Landsleute umzubringen, desaströse Kriege mit seinen Nachbarländern vom Zaun zu brechen und der Marionettenspieler eines ganzen Volkes zu sein. Im September 1987 griff Saddam—oder, besser gesagt, sein Sohn, Udai—nach meinen Schnüren. Udai wollte ein Double und ich hatte das Pech, ihm ähnlich zu sehen.



ies war nicht mein erstes Treffen mit Udai. Weil mein Vater sehr reich war, schickte man mich auf die beste Schule im Irak, und ein junger, verwöhnter, arroganter Udai wurde mein Klassenkamerad. Wir alle hassten ihn schon damals. Er fuhr mit seinen Autos die Straßen entlang und sammelte, mit Hilfe seiner Bodyguards, Mädchen ein, egal ob sie mitkommen wollten oder nicht—die meisten wollten nicht. Mindestens ein Mädchen, das sich weigerte, von ihm mitgenommen zu werden, wurde gekidnappt und seinen ausgehungerten Hunden vorgeworfen. In der Schule verhielt er sich wie sein Vater. Er zeigte keinerlei Interesse am Unterricht und bedrohte jeden, der ihm in die Quere kam. Ein Lehrer, der ihn ermahnte, weil er seine Freundin mit in den Unterricht gebracht hatte, verschwand und wurde nie wieder gesehen. Meine Mitschüler zogen mich oft auf und nannten mich Udai, weil ich ihm sogar in dem Alter schon ähnlich sah. Manchmal machte ich ihn nach, um die anderen zum Lachen zu bringen.

Während meiner zweiten Begegnung mit Udai war ich Hauptmann an der Front in Iraks sinnlosem Krieg mit dem Iran. Die Führung meiner Einheit erhielt eine Depesche, die besagte, dass sie mich zum Präsidentenpalast schicken sollen. Ich wurde dorthin gebracht und darüber informiert, dass ich Udai Husseins Fiday, also Doppelgänger werden sollte. Dazu gehörte es, offiziellen Anlässen beizuwohnen, Auftritte wahrzunehmen und seine Stelle zu „vertreten“, wenn Gerüchte über Mordanschläge zirkulierten. Saddam selbst hatte schon mehrere Fidays und Udai wollte offensichtlich auch einen, genau wie sein Papi. Ich sollte sein erster werden. Meiner ursprünglichen Weigerung wurde mit einem langen Aufenthalt in Einzelhaft und mit psychischer Folter begegnet: Man steckte mich in eine vollgestopfte Zelle, in der es nicht einmal eine Toilette gab, die mir erlaubt hätte, meine Würde zu wahren.

Schließlich zwangen mich diese Behandlung und die bösartigen Drohungen gegen meine Familie, Udais Forderungen zuzustimmen.

Mir wurde über einen längeren Zeitraum beigebracht, mich wie er zu verhalten und so zu sprechen. Ich wurde ihm außerdem durch kosmetische Chirurgie noch ähnlicher gemacht. Indem sie mir die Schneidezähne abfeilten und mir Kronen aufsetzten, die denen Udais ähnelten, bekam ich dasselbe Lispeln wie er. Während meines „Trainings“ wurde ich für den Barbarismus des Regimes desensibilisiert: Sie zwangen mich endlose grauenvolle Videoaufnahmen echter Folterungen, Verstümmelungen und Morde anzusehen, die von ihnen an dutzenden Männern, Frauen und Kindern aus dem Irak verübt wurden. Diese Filme dienten gleichzeitig als Warnung davor, was mir passieren würde, sollte ich zu irgendeinem Zeitpunkt versuchen, das Regime herauszufordern.

Mein erster öffentlicher Auftritt als Udai war bei einem Fußballspiel in Bagdads Volksstadion. Mein Job war es, dem Volk von der Ehrentribüne aus zuzuwinken und den Spielern am Ende Medaillen zu überreichen. Als Udai meinen Auftritt im Fernsehen sah, war er beeindruckt. Er gratulierte meinen Ausbildern und akzeptierte mich als ein Mitglied in seinem Kreis, allerdings nur am äußeren Rand. Er konnte es sich nicht erlauben, jemanden zu nah an sich ranzulassen. Vor allem, wenn derjenige nicht zum Tikriti-Clan gehörte, aus dem der Großteil des Regimes stammte. Ich war tatsächlich der erste Fiday, der aus der Außenwelt rekrutiert worden war.

Von da an, verbrachte ich meine Tage in seinen Palästen im Prinzip als Gefangener, da ich nichts ohne Erlaubnis machen durfte. Aber es war ein luxuriöses Gefängnis, in dem es die feinsten Gerichte und Getränke gab, die die Welt zu bieten hat. Pools und andere nette Abwechslungen machten die Zeit ein wenig erträglicher.

Aber meine Gefangenschaft wurde immer absurder. Die meiste Zeit hatte ich keine Auftritte; ich langweilte mich zu Tode, fühlte mich intellektuell und sozial unterfordert. Ich hatte einen Abschluss in Jura und immer davon geträumt, in die Fußstapfen meines Vaters zu treten und Geschäftsmann zu werden. Das hier war nie Teil meines Lebensplans gewesen. Ich führte eine hirnlose, sinnlose Existenz ohne Entscheidungsfreiheit und Unabhängigkeit. Aber es kam noch schlimmer. Ich geriet näher in Udais unmittelbares Umfeld. Er begann mich als einen seiner Bodyguards zu behandeln und nahm mich überall hin mit, damit ich ihn vor Mordanschlägen durch seine unzähligen Feinde beschützte.

Nun erlebte ich Udais Grausamkeit aus nächster Nähe. Ich sah zu, wie er jeden, der sich seinem Willen widersetzte, gängelte, vergewaltigte, ermordete und zerstörte. Es konnte absolut jeden treffen—von Freunden seines Vaters bis hin zu unschuldigen Passanten. Bei einer solchen Begebenheit wurde ein Paar auf seiner Hochzeitsreise für immer auseinandergerissen, weil die Frau, an der Udai Gefallen gefunden hatte, sich von einem Balkon in den Tod stürzte, nachdem Udai sie vergewaltigt hatte.



Ich wurde durch den Beginn der Invasion der US-geführten Truppen gerettet, die dem Regime etwas anderes bescherte, womit es sich beschäftigen konnte. Udai kam mich eines Tages besuchen. Er ließ mich von Kopf bis Fuß rasieren und vor der Tür meiner Eltern absetzen. Meine Mutter fand mich. Aber sie erkannte die kahle, skelettartige Figur zu ihren Füssen erst, als ich zu sprechen begann, um ihr zu sagen, wer ich bin. Es gelang mir schließlich, nach Österreich zu fliehen, aber Udai war noch nicht fertig mit mir. Zwei von Udais Männern tauchten bei meiner Familie zu Hause auf und sagten meinem Vater, dass Udai ihn in seinem Büro sehen wolle. Sie sagten, dass Treffen würde nicht lange dauern und dass sie ihn abholen und wieder zurückbringen würden. Das Treffen fand im Hauptquartier des Irakischen Olympischen Komitees statt, der Organisation der Udai vorstand—allerdings weniger wegen seines sportlichen Interesses, sondern vielmehr, damit er beschäftigt war. Um vier Uhr morgens wurde mein Vater wieder zu Hause abgeliefert. Die Familie war noch wach, voller Angst, dass er gekidnappt, gequält oder ermordet worden war. Er sagte, dass er sich nicht wohl fühle, saß einfach so im Wohnzimmer und sah extrem mitgenommen aus. Nach einer Weile begann er sich schwindelig zu fühlen. Alle nahmen an, dass er einfach müde war, da die letzten Stunden sehr kräftezehrend gewesen sein mussten. Aber seine Haut begann sich, erst unmerklich, dann unübersehbar gelb zu färben. Schließlich sackte er in sich zusammen und tat seinen letzten Atemzug.

Wenige Stunden nachdem sie meinen Vater abgeliefert hatten, kamen wieder Bodyguards zu uns nach Hause und verhängten ein Beerdigungsverbot. Sie sagten meiner Familie, dass sie ihn einfach in ein Grab legen und verbrennen sollten. Sie müssen gewusst haben, dass er zu diesem Zeitpunkt schon tot war, was ohne jeden Zweifel beweist, dass er absichtlich vergiftet wurde. Nach ihrer Logik wurde er ermordet, weil er der Vater von Latif Yahia war—in ihren Augen einer der schlimmsten Kriminellen des Landes, ein Verräter, der mit der CIA zusammenarbeitete, um Saddam zu stürzen.

Ich gebe mir immer noch die Schuld für den Tod meines Vaters, und ich sehe nicht, wie ich mir jemals dafür werde vergeben können. Ich hätte im Irak bleiben und mich der Sache stellen können. Vielleicht wäre ich es dann gewesen, der den Orangensaft getrunken hätte, dem man die Knochen gebrochen oder die Seele durchgemangelt hätte. Dann würde sich jetzt wahrscheinlich mein Vater Vorwürfe machen—dass er mich auf dieselbe Schule wie Udai geschickt hat, dass er reich ist. Wer weiß? Es ist sinnlos darüber nachzudenken. Alles was ich weiß, ist, dass er das Wichtigste in meinem Leben war—mein Vater, mein Freund, mein Lehrer, mein Vertrauter. Eine Konstante in einem Land, in dem wahllose Gewaltakte und Chaos die Einwohner in Furcht und Schrecken versetzen. Nun gibt es ihn nicht mehr.

LATIF YAHIA