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DOS & DON'TS
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Die Leute haben sich nicht getraut reinzukommen. Es war fantastisch. Ganz am Anfang waren unter unseren Kunden Typen, die die Bezeichnung „schmierige alte Herren“ verdienten, viele von denen wurden später bekannte Politiker. Einer dieser Herren moderierte die Nachrichtensendung News at Ten, und er sagte zu dem Mädchen im Laden: „Kuck dir heute die Nachrichten an, Mädchen. Ich werde Gummi-Unterhosen tragen!“ Später kamen dann die Kids, um da einzukaufen. Natürlich. Sie liebten den Laden, denn es war ein neuer Look und zu der Zeit ziemlich verwegen. Einer unserer Hauptartikel waren Erotik-Shirts. Ich brachte die Dinger immer aus der Christopher Street in New York mit. Es gab ein Shirt mit einem schwarzen Typen drauf, und sein riesiger Penis hing runter. Die Shirts waren hauteng, so dass der Schwanz von dem Typen auf dem Shirt direkt auf deinen Bauchnabel runterbaumelte. Es war perfekt. Einige der Kids wurden deswegen verhaftet, als sie die Kings Road runter zum Sloane Square gingen. Zweimal gab es bei uns eine Polizeirazzia, und es ging bis vors Gericht. Aber ich habe mich nicht darum gekümmert. Alles wurde konfisziert, aber wir besorgten neue Klamotten, und die ganzen Kids dachten: „Das ist der coolste Laden auf der ganzen Welt.“ Warum hast du den Laden dann geschlossen? Das war auf dem Höhepunkt der Sex Pistols. Am Anfang standen Leute aus intellektuellem Interesse und emotionaler Verbundenheit auf die Pistols, aber später verkamen sie zu einem Markennamen. Und das ist Mist. Ich eröffnete also einen neuen Laden mit dem Namen Seditionary. Ich ging zum Kriegsmuseum, besorgte mir Kopien der Fotografien vom zerbombten Dresden, zerstückelte diese und machte aus den Fetzen die Tapete für den Laden. Dann hämmerte ich ein Loch in die Decke des Ladens, weil ich wollte, dass es abgewrackt aussieht. Ich hatte auch Ratten, die unter der Kasse hin- und herliefen … das machte alles ziemlichen Spaß. Und dann gab es Leute wie Boy George, Adam and the Ants und Bow Wow Wow, die da abhingen und wollten, dass du ihnen einen Look verpasst, richtig? Genau, die waren da. Ich war zu der Zeit involviert in ein französisches Independent-Label namens Barclay. Nebenbei produzierte das Label Pornofilme, und sie wollten, dass ich ihnen Musik für die Filme besorge. Sie sagten: „Komm uns bloß nicht mit urheberrechtlich geschützter Musik. Nimm afrikanische Musik oder irgend so was.“ Ich ging also zur Bibliothek am Centre Pompidou in Paris, weil die eine ziemlich große Musiksammlung hatten. Ich mochte das eine Mädchen in der Bibliothek sehr, so dass ich jeden Tag hinging, sie anstarrte und dabei Ethno-Mucke hörte. Sie legte mir eine dieser Platten mit falscher Geschwindigkeit auf und es blies mir die Ohren weg. Ich dachte: „Was zum Teufel ist das? Das ist ein verdammt geiler Beat.“ Diese Idee nahm ich mit zurück nach London und gab sie weiter an diese Kids, die sich Adam and the Ants nannten. Zu dieser Zeit war Vivienne gerade dabei, in die Mode aus dem 18. Jahrhundert mit all diesen albernen Ballkleidern einzutauchen, und ich sagte zu ihr: „Vivienne, wenn du das machst, musst du dem Ganzen ein Label verpassen, das die Kids auch verstehen.“ Vivienne meinte daraufhin: „Scheiß auf die Kids! Ich will Klamotten an elegante Frauen verkaufen.“ Aber unser Laden war nicht darauf ausgelegt. Wir mussten weiterhin in der Popkultur bleiben und diesen Style irgendwie verkaufen, also kam ich auf die Idee, den Look von Piraten aus dem 18. Jahrhundert zu benutzen, so dass die Kids sich damit identifizieren konnten. Ich brauchte also eine Gruppe, die so aussah wie Piraten. Ich sagte dann zu den Kids im Laden: „Ihr müsst wie Piraten aussehen! Dann kommt ihr nicht mehr aus dieser verranzten Londoner Hinterhofecke, sondern aus Sansibar und damit könnt ihr dann auch diese Drums hier benutzen, die ich euch jetzt vorspiele. Die haben zwar einen Ethno-Beat, aber egal … Ihr seht aus wie Piraten!“ So entstanden damals Bow Wow Wow. Aber warum ausgerechnet Piraten? Zu dieser Zeit war das große neue Ding der Kassettenrecorder und der Ghettoblaster. Die Kids nahmen Musik aus dem Radio auf. Die Plattenindustrie versuchte, eine Lizenz auf Leerkassetten einzuführen, weil sich die Kids ihre eigene Musik aufnahmen. Es ging also im Grunde um Piraterie, und meine Kids sahen eben so aus wie Piraten. Es war ein absoluter Erfolg, und ich machte Vivienne einen Vorschlag: „Lass uns diesen Piraten-Look auf den Laufsteg bringen!“ War es zu dieser Zeit, als ihr, also Vivienne und du, euch entzweit habt? Sie wollte als Designerin anerkannt werden, und ich wollte das genaue Gegenteil. Außerdem hatte ich was mit ein paar anderen Mädels, als ich auf meinem Trip in Paris war. Auf jeden Fall wusste ich, dass sie mit diesen Ballkleidern aus dem 18. Jahrhundert weitermachen würde, und ich habe das einfach nicht kapiert. Ich konnte darin keinen Rock ’n’ Roll-Spirit erkennen. Ich entschied mich also gegen den kommerziellen Erfolg in der Modebranche. Ich dachte, dass es uns zwar ein Vermögen kosten würde, bevorzugte aber, nicht außerhalb der Kultur zu sein, sondern mitten drin. Ich wusste, dass es damit enden würde, dass Vivienne und ich ziemliche Probleme bekommen würden, und so kam es dann irgendwann auch. Also verließ ich sie und sie sagte: „Es muss nicht so enden.“ Ich entgegnete: „Ich dachte, das war, was du wolltest. Du kannst jetzt bei einer italienischen Firma unterschreiben und dich total in diese Modewelt vertiefen. Alles was wir zusammen hatten, kann dem Ganzen zugute kommen. Du kannst darauf aufbauen, und es wird dir all die Credibility verleihen, die du brauchst.“Und so machte sie es dann auch. Ich machte ein Soloalbum namens Duck Rock. Die Single dazu hieß „Buffalo Gals“ und darauf basierte auch meine letzte Kollektion. Wie ist das dann gelaufen? Ich dachte: „Wie sieht ein Buffalo Gal, also ein Büffel-Mädchen, eigentlich aus?“ Ich kam dann darauf, dass es ein großes, fettes Mädchen ist, das über den ganzen Planeten stampft. Im Grunde war es wie eine dieser „Bag Ladys“. Dieser Look setze sich zusammen aus Schafsfell-Jacken, riesigen haarigen Kleidern und einem Hut, der fünf Nummern zu groß für die jeweilige Person war. Hier und da arbeiteten wir ein paar Ethno-Muster mit ein. Es war alles zusammengeschustert. Ich wollte, dass die Schuhe so aussehen, wie die Plastiktüten, die die „Bag Ladys“ an den Füßen tragen. Also nahm ich dafür Gämsleder. Wie kam das Buffalo-Gal-Ding in der Modewelt an? Ich werde diesen Moment nie vergessen, als eine Frau von der italienischen Vogue nach einer Show in Paris zu mir hinter die Bühne kam und mich davon überzeugte, lieber was anderes zu machen. Wie hat sie das angestellt? Sie sagte: „Malcom, damit wirst du niemals durchkommen. Die Musik ist bellissimo, aber vergiss die Klamotten.“ Herrlich. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also sagte ich: „Hast du schon mal was von Robin Hood gehört? Er ist eine sehr große und bekannte Figur in der englischen Literatur. Ich versuche, die Reichen arm und schlecht aussehen zu lassen, so dass die Armen reich und schön aussehen können! Das ist die Idee.“ INTERVIEW VON ANDY CAPPER MALCOLM MCLAREN | 1 | 2 | | |||||||||