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DOS & DON'TS
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Sie war klein für ihre Rasse. Wenn sie saß, bildete ihre Unterseite einen Halbkreis, ihr Bauchfell war grau und weiß, verletzlich, offen. Ihr Körper wurde nach oben hin dunkler und ihre Konturen zeichneten sich wie eine Linie vor dem Himmel ab. Wenn sie heftig atmete, bewegte sich diese Trennlinie, blähte sich hoch und runter, bewegte sich wie ein kleiner Berg, der sich gegen den Himmel presst. Sie war eine Welteine einfache Linienzeichnung, die ein Universum formte, als gäbe es sonst nichts. Es mochte andere Dinge geben, im Wind wogendes Gras, niederprasselnden Regen, unbewegliche trotzige Berge, Bierdosen, Kugeln und Männer, mehrere Männer, und trotzdem war sie Alles und Jeder. Vielleicht war es eine Landschaft aus Pinselstrichen, feinen, wildenund sie war, was es zusammenhielt, der Gnadenakt, die Schönheit. Keiner weiß wirklich, wie ein Jeder sein Stück Erhabenheit mit auf die Erde bringt, aber bei ihr musste man danach überhaupt nicht fragen. Sie war eine der großen Künstlerinnen von vor der Moderne, eine Art verzweifelte Bestätigung. Sie war klein für ihre Rasse. Sie bildete einen Kreis in ihrer Mitte. Sie hatte ein Stück runde Leere in ihrer Mitte. Es war zart, es war einfach, es war leer und von da aus schob sich ihr Körper nach oben als Kante, als Linie vor dem Himmel, vor dem Berg oder Hügel oder der Landschaft, einer flachen Landschaft voller Farben, und so saß sie da. Sie saß. Ihr Kopf bewegte sich nicht ein Stück. Ihr Kopf hatte Würde, Schönheit und ein Profil, das nicht so sehr von Alter zeugte, wie von der Zeit. Sie saß still. Foto von Jan von Holleben. Mit freundlicher Genehmigung von Peter Hay Halpert Fine Art/New York ![]() Geht auf www.janvonholleben.com um Jans neues geniales Buchprojekt Dreams of Flying und noch mehr Bilder zu sehen. Sie war klein, nicht zierlich, aber elegant. Ein Kopf wie aus Kristall oder Ton und dennoch aus Fleisch und Blut. Ihre Augen waren traurig, weil ich mich gegen sie gewandt und sie geschlagen hatte. Ihre Augen waren braun mit einem Stich grün, und sie waren voller Sorgen. Sie war jung, aber die Trauer ließ sie altern. Ich kann mich nicht erinnern, wann es anfing, nur dass es irgendwann anfing: Er schlug mich, ich schlug sie. So einfach kann es nur nicht gewesen sein. Ich hatte Angst vor ihm. Davor, dass er zurückkommen würde und dass da Scheiße auf dem Fußboden sein würde. Oder irgendein anderer schrecklicher Fehler, den sie begangen hatte, aber für den ich die Schuld bekam und für den mich dann seine Fäuste trafen. Es gibt keinen Grund. Woran ich mich erinnern kann, ist, dass ich auf sie eindrosch und dass ihr Körper in sich zusammenbrach und dass sie aufblickte und sich umsah, als versuche sie zu verstehen, was in der Welt schiefgelaufen ist, was ich ihr Schreckliches angetan hatte und warum, wo der Schmerz herkam, warum der Tag so über sie herein brach, warum. Ich verhielt mich ihm gegenüber genau so, warum. Aber für mich war es schlimmer, weil ich verstand warum, jemand hatte mich verletzt, und ich wusste, dass das eine Katastrophe war. Es gibt keinen Grund, außer dass ich den Punkt erreicht hatte, an dem ich bereit war zu sterben, weil ich es nicht mehr ertragen konnte und viel-leicht konnte sie es auch nicht, ich glaube, sie konnte es nicht. Ich hatte weder ihre Anmut noch ihre Schönheit. Ich war bloß irgendwer, eine Person, zitternd, voller Angst. Ich zog mir Kleidung an, um die Verletzungen zu verdecken, ich versteckte die Spuren, die er auf mir hinterließ, ich war einfach ein beschissener Mensch, niemand Wichtiges oder Besonderes, niemand, der aus der Menge hervortrat oder sich hervortat. Es gab nichts Gutes an mir. Ich kroch auf dem Boden herum, wenn er mit einer Zeitung oder einem Gürtel in der Hand hinter mir her rannte. Ich war nur irgendwer, menschlich gesehen ein Niemand. Sie hatte eine ganze Welt um ihren Körper herum, so als wäre es eine Kulisse. Sie existierte und alles um sie herum war nur Hintergrund. Ich wollte nie wichtig sein. Ich hatte keine Aufmerksamkeit verdient, noch nicht mal seine. Ich war still und hatte keine besonderen Qualitäten. Sie hingegen hatte eine Würde, die voller Bestimmtheit und Ruhe war. Wenn die Männer über Existenzialismus geschrieben haben, meinten sie sie und ihre Art zu leben. Da bin ich mir sicher. Ich hatte das Gefühl Dreck zu sein, ein Nichts, weder Sonne noch Mond konnten daran etwas ändern, oder meine Verzweiflung mindern. Ich hangelte mich durch, wusste nie, was ich tun sollte. Ich war eine dumme Person, niemand. Ich war leidenschaftslos, und es mangelte mir an dem, was manche Damen Selbstwertgefühl nennen, aber was ist das eigentlich? Ich will in eine Hütte kriechen und dort leben, bis ich sterbe, und keiner könnte es mir ausreden; nur weil es Augen gibt und Haare, die man gegenüber Männer einsetzt und die ganzen anderen Körperteile, und es ist natürlich Müll zu denken, dass man jemanden kriegen kann, oder haben kann, wegen seiner Persönlichkeit, einem Talent, es ist viel leichter ein Stück zu sein, was jemandem gehört. Als ich sie schlug, wollte ich, dass der Boden sich öffnet und mich in sich hineinzieht, und ich glaube, das wäre fair, oder so fair, wie es eben geht. Ich war zu Matsch zertreten oder sonst irgendwas Zertretenes und, da gab’s nichts mit „Tritt nicht auf mir herum“, auf mir wurde einfach herum getreten. Aber die eigentliche Tragödie war sie, denn in ihr war das Leben. Ich habe nie jemanden so sehr geliebt. Ich nahm sie mit, als ich weglief, und niemand versuchte so sehr wie ich, sie in Sicherheit zu bringen, aber sie war nicht sicher vor mir und und wo hätte sie dann sonst sicher sein können? Ich liebe, denke ich, aber wie kann ich dieses Ding lieben, denn sie ist sogar noch mehr ein Ding als ich, aber das stimmt nicht, weil ich tatsächlich noch mehr ein Ding bin, als sie es ist. Ich hätte ihr mein Herz gegeben, meine Seele, all mein Geld, all meine Sachen, ich hatte nicht viel, aber es gehörte alles ihr. Egal, was die anderen sagen, aber ich bin völlig abhängig von ihrer Liebe, von ihr. Die Mädchen sagten, ich liebe einen Hund, als ob das etwas Schmutziges wäre, aber ich hab sie nie auf eine falsche Art angefasst, außer wenn ich so niederträchtig war und sie schlug. Dann wurde meine Liebe für sie bedeutungslos. Sie war klein für ihre Rasse, weshalb er sie verachtete, aber ich spürte keine Verachtung für sie, also warum tat ich ihr dann weh? Es gibt Pitbulls und andere hässliche, bösartige Hunde, die Menschen anfallen, aber sie war eine kleine Hündin, obwohl sie eigentlich nicht klein sein sollte, ein Deutscher Schäferhund, der Hund des Antisemitismus, aber für sie ist das eine Beleidigung, denn sie hat nie einem Juden weh getan, und ich habe einen Freund, der in Südamerika im Gefängnis war und die Polizei benutzte Deutsche Schäferhunde, um die Gefangenen anzugreifen und ihnen Angst einzujagen, und ich würde lieber sterben, bevor ich das mit ihr geschehen lassen würde, und dann gibt es diese großen, wütenden Hunde, die töten, ohne irgendwas damit zu beabsichtigen, die jemanden zerfetzen, ihm den Hals aufreißen und die Arme abzerren, aber das würde sie nie tun: Sie hatte ein tragisches Leben, weil ich ihr eins gegeben habe, ich gab ihr ein tragisches Leben, und ich bin die Schuldige, nicht sie. Ich sehe die Leute mit ihren Hunden spielen, und ich will, dass sie auch so ein süßes Leben hat, aber sie konnte es nicht haben, wegen mir, weil ich nicht süß war, mit einem süßen Leben, und der Junge, mit dem ich lebte, war auch nicht süß. Er wollte einen großen Hund, einen gefährlichen Hund, einen aggressiven Hund, einen Meister der Aggression, wie er selbst einer war. Er war nicht klein für seine Rasse oder niedlich oder süß, er hatte kein süßes Leben, und er wollte keins. Er war ein großer Hund, aggressiv und bösartig. Ich war nichts, aber er war kein Nichts. Wie bin ich hier gelandet? Die Mädchen reden von der Liebe und solchen Sachen. ANDREA DWORKIN Vice: War der Mann im wirklichen Leben auch so brutal? John: Ich glaube ja. Andrea ist einmal zu einer Handleserin gegangen. Die sagte ihr, dass sie zwei wichtige Beziehungen mit großen blonden Männern haben würde. Ihr brutaler Ehemann war der erste und ich der zweite. Was unsere Statur betrifft, waren wir uns recht ähnlich. Während der ersten zehn Jahre, die ich mit Andrea zusammenlebte, kam es öfter vor, dass sie, wenn ich ins Schlafzimmer kam, panisch aufschreckte, weil sie dachte, ich wäre dieser Ehemann. Ich hab das als eine Art körperliche Erinnerung verstanden, als etwas, was so schrecklich war, dass es eine einzige winzige Kleinigkeit erneut auslösen konnte. Viele Frauen fällt es schwer, Andreas Leben zu begreifen, weil es so extrem ist. „Wie konnte so viel Schlimmes einer einzigen Person passieren?“, fragen sie. Auf der anderen Seite gibt es viele Leser, denen Schlimmeres passiert ist. Was für ein Mensch war Andrea? Wahnsinnig süß und witzig. Sie kannte mich besser als ich selbst. John betreibt die Website andreadworkin.com, und dieses Jahr wird eine neue Auflage von Dworkins Buch Intercourse bei dem amerikanischen Verlag Basic Books erscheinen. |