
iese Ausgabe wurde fast vollständig in Schwedt/Oder, der Kreisstadt der Uckermark im Nordosten Brandenburgs produziert. Wir sind dort hingefahren, weil wir eine lokale Ausgabe über Armut machen wollten und weil wir gehört haben, dass die Stadt eines der schlimmsten Drecklöcher Deutschlands ist. Obwohl man vermutlich ebenso gut in jede andere Stadt hätte fahren können, denn bekanntlich leben wir nicht gerade in Disneyworld. Wir dachten uns also, dass Schwedt der richtige Ort ist, um die Unterschicht zu finden, von der ja zur Zeit permanent in den deutschen Medien die Rede ist.Wir wollten wissen: Warum lassen sie es zu, unter so tragischen Umständen leben zu müssen? Ist es eine vorgegebene Mentalität? Ist es, wie alle immer sagen, eine Frage der Bildung? Ist es ihre Schuld, dass es so miserabel um die deutsche Wirtschaft bestellt ist? Verschwenden die Prolls wirklich ihr Leben und unser Geld damit, Online-Poker zu spielen und mit Wodka versetzte, billige Energy Drinks zu trinken?
Natürlich steckt Schwedt in der Scheißezudem der Stadt auch schon in der Vergangenheit mehr als einmal übel mitgespielt wurde. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs bestand Schwedt zu über 80 Prozent aus Trümmern. Die sozialistische Regierung machte dann platt, was von der Stadt noch übrig war, um so Platz für eine Papierfabrik und eine Ölraffinerie zu schaffen. Dennoch wuchs und gedieh Schwedt zu sozialistischen Zeiten und wurde eines der wichtigsten Industriezentren der DDR. Dann fiel die Mauer und für Schwedt brachen wieder düstere Zeiten an. Die schnelle westliche Modernisierung und die Zentralisierung der Wirtschaft machte die Fabriken überflüssig. Den Todesstoß bekam Schwedt dann mit dem Euro und dem EU-Beitritt Polens. Alles, was man in Schwedt verkaufen konnteZigaretten, Benzin, Frisuren und Nuttenist im drei Kilometer entfernten Polen billiger zu haben und kaum jemand kann sich die Euro-Preise leisten. Die Mieten sind seit der Wende bis auf das Vierfache gestiegen. Die Einwohnerzahl ist seit 1989 um ein Drittel gesunken und rund 23 Prozent derer, die noch da sind, sind arbeitslos. Das Einzige, was die Stadtverwaltung tut, ist tausende Wohnungen abzureißen [
und uns ein Interview zu verweigernRed.]
In Schwedt haben wir es mit so genannter relativer Armut zu tun. Die Leute ernähren sich nicht von einer Diät aus Kartoffeln ohne Beilage oder teilen sich das Badewasseraber im Vergleich zum Rest des Landes, sind die Schwedter langsam an den Rand der Gesellschaft gedrückt worden, wo sie keiner mehr braucht. Kein Industrieunternehmen sieht einen Sinn darin, hier eine Niederlassung aufzumachen, wenn man ein paar Meter weiter, hinter der Grenze, viel billigere Arbeitskräfte bekommt. Die Aktivitäten von großen Firmen in Schwedt beschränken sich darauf, den Leuten DVD-Player und Bratfleisch zu verkaufen. Mitte der 90er Jahre bekam Schwedt eine eigene Einkaufspassage und ein Multiplex-Kino, aber sogar das hat dieses Jahr zugemacht. Die Papiermühle und die Ölraffinerie beschäftigen nach wie vor viele Leute, aber bei weitem nicht so viele wie früherjunge Leute bekommen oft nur Einjahresverträge, damit sie danach Arbeitslosengeld beantragen können. Einst eines der wichtigsten Industriezentren Deutschlands ist Schwedt heute nur noch überflüssiger Ballast.
Hier habt ihr also Schwedtmit seinem ganzen Fett und Nylon, dem Körpergeruch, seinen peinlichen Frisuren und schlechten Zähnen. Ach ja, und sie haben einen Nationalpark, eine tolle Theatergruppe, einen Fluss und einen Haufen anderer Touristenattraktionen. Aber davon wollen wir hier nicht redenfahrt einfach selber mal hin und schaut es euch an. Eine Woche lang aßen wir mir den Schwedtern, tranken mit den Schwedtern, tanzten mit ihnen. Wir standen mit ihnen vorm Arbeitsamt Schlange, wir halfen ihnen, ihre Toten zu begraben und wir gingen mit ihnen in die Kirche. Wir besuchten sie zu Hause, auf der Arbeit, in ihren Kneipen, und wir hatten Oralsex mit mindestens einer von ihnen. Alles in allem hatten wir eine ganz tolle Zeit. So toll, dass wir uns sogar entschieden haben, die Schwedter die ganze Ausgabe selbst schreiben zu lassen, denn dafür, unbegründete Meinungen zu lesen und nicht selber denken zu müssen, habt ihr ja schon den Rest der Medien.
VICE STAFF