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DOS & DON'TS












Fotos von Hector Muelas




motional gesehen bin ich reich, meine Kinder lieben mich und ich liebe sie. Geld macht nicht glücklich, aber man braucht genug davon, um leben zu können, und die Jugend hier hat das nicht. Deshalb gibt es so viel Kriminalität hier. In der DDR war es anders, da war jeder versorgt. Sogar die Alkoholiker hatten Jobs. Heute muss man sich fürchten, wenn man nachts auf die Straße geht. Die Jungen klauen von den älteren Leuten, sie fahren mit dem Rad an einem vorbei und reißen einem die Tasche aus der Hand. In der DDR war es besser, weil jeder versorgt war und einen Job hatte. Man hat uns aufgegeben und deshalb geht es mit dieser Stadt bergab. Es ist wie mit dem Rauchen und Trinken. Warum verkaufen sie Zigaretten, wenn sie nicht wollen, dass die Leute rauchen? Das ist doch alles Politik, ich muss Ihnen offen und ehrlich sagen, dass ich nicht an Lungenkrebs glaube. Ich kenne Leute, die Lungenkrebs hatten und nicht geraucht haben. Ich weiß das, weil ich mal in der Tabakfabrik gearbeitet habe, aber sie hat zugemacht und seitdem bin ich arbeitslos. Jetzt ist das Einzige, was ich den ganzen Tag mache, kochen. Ich kann sehr gut kochen. Hefeklöße, Hühnerfrikassee, Rouladen, Ente, Schweinegulasch, alles, was du willst. Ich geh in den Supermarkt und kucke, was es im Sonderangebot gibt, oder was überm Verfallsdatum ist, damit ich es billiger kriege. Früher hatten wir Hühner, Enten und Kaninchen. Aber mein Mann hat sich vor vier Jahren den Fuß gebrochen und keiner hat sich mehr ums Vieh gekümmert, weil mein Sohn gesagt hat, er will’s nicht machen.

Ich weiß wirklich nicht, was ich machen würde, wenn ich reich wäre. Ich würde es meinen Kindern geben, und wenn ich mehr Geld hätte, würde ich mein eigenes Haus kaufen. Hier in Schwedt, aber ein bisschen außerhalb, in der Natur, wo ich wieder Hühner halten könn-te. Ich wohne seit 1959 hier in diesem Haus. Davor habe ich mit meinen Eltern in der Neubausiedlung gewohnt, genau wie mein Mann. Ich finde es in der Siedlung besser, weil sie schöner ist, aber ich war eine von sieben Kindern und nur einer konnte sie kriegen. Hier beim Friedhof ist es ruhiger. Ich hab nie mit jemanden Probleme gehabt. Wir zahlen keine Miete, wir müssen uns nur um den Friedhof kümmern, allerdings müssen wir den Schornsteinfeger, die Straßenreinigung und Steuern bezahlen. Das sind ca. 1000 Euro im Jahr. An dem Haus ist viel zu machen, die Fenster sind nicht isoliert; alles ist marode. Aber es scheint keiner dran zu denken, dass wir arm sind. Wir mussten den Fußboden selber renovieren und mussten dreimal die Küche machen. Es gab früher einen großen Schuppen, wo der Leichenwagen stand. Vor 1945 haben die Juden ihre Leichen von zu Hause aus beerdigt. Danach war der Wagen weg und 1957 kamen welche von der Stadtverwaltung und haben dieses Haus draus gemacht. Zu der Zeit haben wir es dann vom Wohnungsamt bekommen. Sie haben gesagt, es sei baufällig, mein Schwiegervater und mein Mann haben es dann renoviert. Trotz all dieser Probleme gefällt es mir hier sehr gut.

Mein Mann und ich kriegen eine Versorgungsrente, insgesamt rund 1.500 Euro im Monat. Es ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass wir unsere fünf Kinder versorgen müssen, die alle arbeitslos sind. Ich hab wenigstens ein Haus, aber meine Kinder, die sind arm, die haben nichts. Sie leben von Hartz IV. Sie kriegen ihre Karte und dann können sie sich etwas zu essen abholen. Meine Tochter, zum Beispiel, muss mit einer leeren Tüte zum Rathaus gehen und zwei Euro zahlen, und sie füllen die Tüte dann mit Essen, dessen Verfallsdatum bald abläuft—aber es ist immer mindestens zwei Tage vor dem Verfallsdatum. Wenn es Bananen gibt, kriegen sie eine Banane, ein paar Äpfel, Suppengrün, was sie halt kriegen können. Aber nie genug, um den Kühlschrank zu füllen, und man muss es sofort essen. In der besten Tüte, die sie mal gekriegt hat, hatte sie fünf Äpfel, eine Zitrone, drei Orangen, einen Becher mit Grieß, einen Joghurt, einen Kohlrabi, zwei Möhren und Frischkäse. Man holt diese Tüten einmal die Woche ab. Meine Tochter kriegt sie freitags, und meine andere Tochter und Enkelin kriegen ihre montags. Meine Kinder werden nicht aus Schwedt weggehen. Sie werden woanders auch keine Arbeit finden. Einer meiner Söhne hat es in Bayern versucht aber nichts gekriegt. Ich hab ihnen gesagt, sie sollen weggehen und versuchen, eine bessere Zukunft zu finden, aber sie wollen nicht. Es gefällt mir nicht, dass die Jugend keine Arbeit hat, es ist sehr traurig. Meine Kinder waren noch nicht mal im Gymnasium. Und am traurigsten ist, dass es auch keinen Unterschied gemacht hätte, wenn sie die Schule beendet hätten. Vielleicht hätten sie einen anderen Beruf, aber die Lehrer sind hier auch bloß arbeitslos. Meine Kinder haben die mitt-lere Reife gemacht und dann eine Lehre angefangen, wie alle hier. Eine von ihnen hat in einer Schuhfabrik gearbeitet und wurde nicht übernommen. Eine andere hat in einem Laden gearbeitet und wurde nicht übernommen, der Nächste war Maurer und wurde auch nicht übernommen. Einer von ihnen hat allerdings angefangen, Teilzeit in der Papierfabrik zu arbeiten. Er ist 41. Mein ältester Sohn ist 54 und ist seit 1990 arbeitslos. Er hat eine Weile mitgearbeitet, die Panzer wegzuräumen, aber das war nur für eine kurze Zeit. Und deshalb fand ich es in der DDR besser, mit der Medizin, mit dem Geld, mit allem. Es war leichter für die Leute. Alles war automatisch geregelt. Jetzt muss ich für alles jedes Jahr einen Antrag stellen. Meine Enkelin hat ihre Lehre bei einer Floristin gemacht, aber sie hat auch keine Arbeit. Die Floristin, bei der sie gearbeitet hat, hat sie nicht von dem Geld bezahlt, das sie vom Arbeitsamt bekommen hatte. Dann ist sie vor Gericht gegangen, aber wir haben nichts von dem Geld zu sehen gekriegt, weil wir noch nicht mal Geld hatten, um den Anwalt zu bezahlen. Deshalb sag ich, dass der Staat scheiße ist. Es ist nicht fair. Was soll sie sonst machen, außer vor Gericht zu gehen? Die Firma ist insolvent gegangen. Der Be-sitzer hat den Laden seiner Frau überschrieben und meine Enkelin hat nie was gekriegt. Ich habe Angst um meine Kinder und davor, wie es weitergehen soll. Wenn ich jünger wäre, würde ich mir keine Kinder anschaffen, einfach deswegen, wie dieses Land mit all den Dingen umgeht. Aber damals gab es die Pille nicht, wir kriegten Kinder, wie sie kamen. Heute verstehe ich nicht, warum die Leute noch Kinder wollen, es ist keine gute Welt, in die sie sie setzen.

Ich war noch nie im Urlaub und um ehrlich zu sein, bin ich dagegen. Ich finde, man kann sich alles an einem Tag ansehen und abends wieder nach Hause kommen. Meine weiteste Reise war in eine kleine Stadt kurz hinter der Grenze von Brandenburg. Selbst wenn ich jünger und reicher wäre, würde ich keinen einzigen Tag weg von meinem normalen Leben verbringen wollen. Außerdem gibt mir das Fernsehen genug an Urlaub. Ich sehe gerne Wer wird Millionär. Ich spiele mit meinem Mann und wir raten die Antworten. Ich kucke auch gerne Boxen, besonders Klitschko und Sven Ottke. Ich kuck mir auch die Nachrichten an, aber es interessiert mich nicht wirklich, weil ich glaube, dass sie uns nicht die Wahrheit erzählen. Manchmal schau ich Angermünde TV. Es sind die neusten Nachrichten, wie Autounfälle und so Sachen, aber sie reden nicht mehr über die Armut. Wahrscheinlich wollen sie, dass wir es vergessen. Kaum jemand geht zu den Montagsdemos. Es wird eh nicht besser, egal wer in der Politik ist. Ich stricke lieber und vergesse die ganzen Probleme. Ich habe alle meine Pullover selbst gemacht. Ich hab früher auch für meine Kinder gestrickt, aber sie mögen das nicht mehr. Als meine Kinder klein waren, waren Strickanzüge sehr modern. Jetzt ist alles so hässlich.

FRAU LEBRENZ