NEWSLETTER  



DOS & DON'TS














ch bin auf Hartz IV und darf mit meinem Job einen Euro dazuverdienen, das heißt, ich habe am Ende des Monats 120 Euro. Ich arbeite im Frauenzentrum hier in Schwedt, einem Treffpunkt für sozial schwache oder arbeits-lose Frauen. Hier kann man herkommen, auch wenn man nicht viel Geld hat und sich kreativ ausdrücken. Man kann alle mög-lichen Sportarten machen, oder zu Lesungen gehen. Außerdem gibt es noch viele andere Freizeitangebote. Wir haben auch eine Kindergruppe, wo junge Mütter ihre Kinder hinbringen können. Ich bin erst seit einem Tag hier, aber ich habe für den Frauenverein gearbeitet, das ist die Trägerorganisation des Frauenzentrums.

Foto von Hector Muelas
Wir haben auch thematische Veranstal-tungen, die letzte hieß „Armut ist weiblich“. Die haben wir gemacht, weil Frauen immer besonders benachteiligt sind, egal ob zu Hause oder was die Arbeit betrifft. Sie können die gleiche Arbeit machen wie ein Mann und trotzdem nicht das Gleiche verdienen, besonders wenn die Frau eine allein erziehende Mutter ist. Frauen sind aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Ein seltsamer Nebeneffekt dieses Phänomens ist das, was wir „schwanger durch Hartz IV“ nennen: wegen der hohen Arbeitslosigkeit werden viele sehr junge Mädchen schwanger, damit sie sich keinen Job suchen müssen und das Hartz IV-Kindergeld bekommen können. Weil sie so jung sind, enden sie dann früher oder später als allein erziehende Mütter.

Die jungen Leute wissen über Verhütung Bescheid, aber sie ignorieren das Thema. Sie denken, sie brauchen keine Kondome, weil sie die Pille nehmen, und HIV ist kein Thema. Sie wischen es zur Seite, sie sind zu ungebildet. Sogar wenn es in Schwedt HIV-Positive gäbe, würden die Leute das Thema ignorieren. Sie würden der Person einfach aus dem Weg gehen.

Viele Frauen haben Probleme mit ihren Männern, weil deren Arbeitslosigkeit in den meisten Fällen zu Alkoholismus und häuslicher Gewalt führt. Es ist ein sehr großes Problem, wenn man bedenkt, dass wir in einem der Orte mit der höchsten Arbeitslosenrate in diesem Land leben. Können sie sich vorstellen, dass wir sogar ein Frauenhaus haben? Die Zahl der Frauen und Mädchen, die dort Zuflucht suchen, wächst Jahr für Jahr. Das Frauenzentrum ist auf gewisse Weise mit dem Frauenhaus verbunden, manchmal schicken wir ihnen Mädchen von hier. Wir versuchen den Frauen rechtliche Hilfe anzubieten, aber manchmal ist das nicht so einfach. Und außerdem haben wir noch ein Jugendzentrum, das es den Jugendlichen ermöglicht, sich aus Ärger rauszuhalten, von der Straße wegzukommen und sich von Drogen fernzuhalten. Wir bieten ihnen Diskussionsgruppen, Tagesausflüge, Sport und alle möglichen Freizeitaktivitäten an. Was immer halt nötig ist, um sie geistig anzuregen und zu beschäftigen und sie aus dem Kreislauf der Armut rauszuhalten. Wir versuchen, sie zu motivieren und ihnen beizubringen, etwas für ihre Zukunft zu tun.

Ich denke, eins der Hauptprobleme ist, dass die Männer ihren Frust oft auf die Frauen projizieren. Sie geben ihnen die Schuld für ihr Leid und ihre Abhängigkeiten. Ich kenn das, das können sie mir glauben. Wir Frauen versuchen irgendwie mit der Situation umzugehen, weil wir einen stär-keren Charakter haben. Männer sind meist zu schwach, um mit den eigenen Misserfolgen umzugehen, sie leiden wirklich. Wem soll man die Schuld dafür geben? Ich denke, es ist eine Mischung aus verschie-denen Dingen. An erster Stelle ist es die Schuld der Politiker, weil sie die Politik ohne die Menschen machen. Wir wissen alle, dass es Reformen geben muss, aber sie sollten mit den Menschen, für die Menschen und nicht gegen sie gemacht werden. Jeder Schritt, den sie machen, ist für ihren eigenen Vorteil. Zum Beispiel die Außenpolitik: Sie investieren in Kriege, die wir nicht führen. Ich denke, das zweitgrößte Problem ist Bildung, aber das weiß ja jeder. Armut kann auch eine Armut des Geistes, eine Armut an Bildung sein.

Ich habe Angst vor der Zukunft. Wenn es so weitergeht, sehe ich schlimme Dinge auf uns zukommen. Die Globalisierung ist negativ, und die Jobs werden immer weniger. Ich will gar nicht darüber nachdenken. Es ist ein Teufelskreis.

KARIN HILDEBRANDT