Anfang der 80er hatte ich einen alten MGA 1600, Zweisitzer, ohne Verdeck, nur eine Plane, mit der man das Fahrzeug in Parkstellung vor Regen schützte, den ich gegen zwei große Beutel afrikanisches Gras eingetauscht hatte. Da lag er dann, selig, in einer Korbtasche im Fußbodenbereich des Beifahrersitzes, direkt mit dem Hintern über dem Asphalt. Zwei Jahre später gestand er mir: „Du Papa, mein Lieblingsgeruch ist Teer.“ Was zu unzähligen Baustellendurchfahrten führte.

Auf alle Fälle: Kinder lieben Autofahren. Liegt es nun am Sound, dem verbrannten Sprit, der seine Gase beruhigend über den Auspuff in den verdecklosen Innenraum verteilt, die Bewegung, das Abbremsen und Anfahren, die Kurven—was auch immer, es funktionierte und wir quatschten uns durch die Jahreszeiten. Bis aus dem Geplapper einzelne Worte entstanden, der Strampler zum Osh-Kosh-Overall wurde und die Korbtasche verschwand, war es kein weiter Weg. Anfang der 80er Jahre rauchten die Leute noch mehr Gras und für immer größer werdende Beutel gab es imposantere Autos. Wir entschieden uns für ein rotes Buick Wildcat Cabriolet mit schwarzem Elektroverdeck, weil Junior ein deutliches „Wau“ äußerte, als wir den Big Block Probe fuhren und dies mit „Papa, den nehmen wir!“ manifestierte. Die Beschleunigung des Achtzylinders war aber auch atemberaubend, ich musste ihm zusprechen. Als hätte sich eine Fliege auf das Gaspedal gesetzt, schob die tonnenschwere Wildkatze nach vorne und ließ zur Freude des Juniors die Porsches beim Ampelstart alt aussehen.

Da sich die Kindersitz-Industrie noch selbst erforschte und mit ihrer Entwicklung beschäftigt war, war Juniors Standplatz auf der Kardanwelle vor der Rückbank, wobei er sich mit den Händen an den Vordersitzen festhielt und meine Kopfhöhe eine Spur überragte, was prompt zu ersten Kommandos führte: „Nun Papa fahren wir mal hier, nun Papa fahren wir mal da!“ Und haste nicht gesehen, hätte der Putschist die Brücke übernommen, wäre mir auf unserer Fahrt durch die Stadt nicht ein Spielchen eingefallen: Automarken raten. Damit hatte ich seiner Begeisterung einen Volltreffer verpasst. Zwar konnte ich ihm anfangs noch unter die Arme greifen, aber er hatte schnell kapiert, dass die meisten Fahrzeuge ihre Embleme am Kühlergrill tragen, und es war nur eine Frage der Zeit, bis er sich durch den europäischen Hersteller-Schilderwald satt gesehen hatte.

Zum Glück gab es Anfang der 80er noch genug alliierte Fahrzeuge in Berlin und weiter ging es: „Hey Papa, kuck mal, ein Plymouth“, oder „Ey wau, Papa, da, der Dodge!“ Schließlich musste ich mich geschlagen geben: „Papa, das war ein Lincoln.“ „Nein Sohnemann, auf sicher war das ein Chevy.“ Er kommandierte: „Rückwärtsgang!“ Es war ein Lincoln. Fast hätte ich Gottschalks „Wetten Dass“-Redaktion angerufen, hätte ich mich nicht geschämt, vor Millionen Spießern eine Show abzuziehen. So blieb das unser Spiel, ein familiärer Contest, eine unwiderbringbare Zeit, die abrupt endete, als ich ihn eines Morgens am Kindergarten absetzen musste. Als der junge Mann im Gebäude verschwand, hab ich innerlich Rotz und Wasser geheult, denn wir hatten bis dato eine Weltumdrehung an Kilometern hinter uns, und da ging er nun hin—mein großer aufmerksamer Beifahrer. Ich vermisse ihn heute noch.

EUER MANN VOM PLANET TEGEL

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