|
|
DOS & DON'TS
RELATED ARTICLES
|
||||||||||||||||||||||||||||||||
![]()
Heute ist es um die Psychiatrie nicht viel besser bestellt: Sie greift auf endlose standardisierte Bewertungstechniken wie Interviews zurück, deren Genauigkeit nur anhand verschiedener Studien geprüft wurde. Wir werkeln jetzt mal ein bisschen an Ihrem Hirn rum, bloß weil 87 Personen, die wir vor Ihnen befragt haben, anders als Sie gedacht oder gehandelt haben. Die unvermeidlichen diagnostischen Ungenauigkeiten der Psychiatrie erwachsen zudem aus dem großen Interpretationsspielraum, den psychologische Symptome zulassen. Wo zieht man die Grenze zwischen glücklich und hypomanisch? Ach ja, Verzeihung, lieber Herr Erfolgstherapeut. Ich vergaß, dass Sie zehn Jahre studiert haben um ein Diplom in Lobbyismus zu erwerben. Und nur nebenbei erwähnt, werden die meisten Definitionen der derzei-tigen, aktuellen Diagnosesysteme DSM-IV und ICD-10 oft schon nach kürzester Zeit hinfällig, um nicht zu sagen völlig unhaltbar. Addiert man nun die natürliche Komplexität des menschlichen Gehirns mit der emotionalen Instabilität eines Kindes, kommt ein wirklich toller Cocktail dabei raus. Psychiatrie und Psychologie folgen Trends wie alle anderen auch, und die letzten Jahre müssen die Hölle gewesen sein für Kinder, die urplötzlich ein Hyperaktivitätsproblem (ADHD) dia-gnostiziert bekamen und Ritalin nehmen mussten. Allein in Deutschland wurde dieses Jahr 400.000 bis 600.000 Kindern ADHD diagnostziert. Das sind eine Menge Pillen. Es ist umstritten, ob Ritalin tatsächlich hilft oder nicht, oder ob es die Kinder gar abhängig macht. Das spielt aber keine Rolle mehr, da ja schon ordentlich dran verdient wurde. Das Neuste ist, dass jeder, der auffällig ist, manisch-depressiv ist. Plötzlich werden tausende Kinder im ganzen Land als bipolar diagnostiziert und Psychiater erwägen die Möglichkeit, diese Kinder mit Antidepressiva und Antipsychotika vollzupumpen, was vor 20 Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Also haben wir beschlossen, uns mit Nina zu treffen. Sie ist zwölf und wurde als bipolar diagnostiziert, obwohl sie nicht wirklich weiß, was das heißt. Sie erzählte uns, dass sich ihr Leben verändert hat, seit sie diese Diagnose bekam und dass keiner auf ihre Fragen antwortet. Wir versuchten ein Interview mit ihrem Psychiater zu arrangierten, aber er lehnte ab. Und tatsächlich hatten alle Psychiater, die wir im Vorfeld dieses Interviews kontaktiert hatten, es abgelehnt mit uns zu sprechen. Letztendlich trafen wir uns mit Dr. med. Eberhard J. Wormer, eine Eminenz in Sachen Manischer Depression, obwohl er kein Psychiater, sondern Arzt und Journalist ist und viele Artikel und preisgekrönte Bücher über genau dieses Thema verfasst hat. Er erlaubte Nina, ihm ein paar Fragen zu schicken und half uns, das Problem etwas näher zu beleuchten. Hi, Herr Wormer. Danke, dass sie sich Zeit für mich nehmen. Sie sind der Erste, der sich bereit erklärt hat, auf meine Fragen zu ant-worten. Ich heiße Nina, ich bin zwölf Jahre alt und wurde als bipolar diagnostiziert. Was heißt das? Bipolar heißt, dass da ein paar mentale Störungen aufgrund einer chronischen Erkrankung des Nervensystems („ma-nisch-depressive Erkrankung“) sind, die vermutlich durch Funktionsstörungen bestimmter Nervenbotenstoffe hervorgerufen werden, die die Psyche leichter verletzbar machen. Wird es über einen längeren Zeitraum nicht behandelt, kommt es immer öfter zu immer heftigeren Phasen extremer Stimmungen (Depression, Manie) und die Phasen psychischer Stabilität verkürzen sich. Vergleichbar mit der Zuckerkrankheit, die durch Insulin kontrollierbar geworden ist, kann die bipolare Erkrankung anscheinend durch eine Stimmungsstabilisierung, zum Beispiel durch verträgliche Arzneistoffe, durch Alternativtherapien sowie Psychotherapie, Psychoedukation, Krisenmanagement und durch die Unter-stützung durch Selbsthilfegruppen erfolgreich behandelt werden. Die rechtzeitige Diagnose und Therapie bietet bipolaren Patienten heute die erfreuliche Perspektive eines weitgehend normalen Lebens mit der Krankheit. Ich wusste nicht, dass auch Kinder schon bipolar sein können. Ich dachte, nur alte Leute wären verrückt. Aber nein, du bist nicht verrückt. Diese Bezeichnung trifft nicht zu. Es ist ein Störung in deinem Gehirn, ein paar Chemikalien funktionieren bei dir anders als bei anderen Leuten. Du bist andersetwas Besonderes. Jetzt nennt man dich bipolar, aber in zehn Jahren nennen sie es vielleicht schon ganz anders. Deine Diagnose erfolgt zu einem sehr komplizierten Zeitpunkt. Für viele psychische Störungen oder Erkrankungen ist die Pubertät eine kritische Lebensphase. Bipolare Erkrankungen kommen bei Kindern keineswegs selten vor und können sehr früh beginnen: Studienergebnisse haben gezeigt, dass etwa ein Drittel der betroffenen Kinder jünger als zwölf Jahre alt waren und erste Symptome im Durchschnitt mit achteinhalb Jahren beobachtet wurden. Man hatte diese Patientengruppe unter anderem deshalb lange Zeit übersehen, weil die Symptomatik bei Kindern eben nicht unbedingt der Symptomatik von Erwachsenen entspricht.Ich glaube, meine Mutti ist auch bipolar. Habe ich es von ihr geerbt? Die bipolare Erkrankung weist eine erbliche Komponente auf. In der Familie bipolarer Kinder sind häufig mehr Mitglieder von Stimmungsstörungen betroffen als bei einer Erstdiagnose im Erwachsenenalterund zwar sowohl von mütterlicher als auch väterlicher Seite. Was für Aussichten habe ich, dass sich mein Zustand verbessert und stabilisiert? Im Moment bin ich ein bisschen sehr aufgeregt. Die Behandlung bipolar erkrankter Kinder ist schwierig und noch in Entwicklung begriffen. Die meisten Therapieerfahrungen beziehen sich auf den Einsatz von Lithium. Gelegentlich wurden auch andere Psychopharmaka (Stimmungsstabilisierer, Neuroleptika und andere) eingesetztmit wechselndem Erfolg. Die Psychiater müssen bei den Therapien, die sie verschreiben, vielfach notgedrungen improvisieren, denn ein optimales Behandlungskonzept fehlt noch. Man muss davon ausgehen, dass die normale Entwicklung von Kindern mit bipolarer Erkrankung auf vielen Gebieten leidet. Bipolar kranke Kinder brauchen mehr als Erwachsene eine umfangreiche psychotherapeutische Betreuung. Das bipolar erkrankte Kind bleibt für die Forschung, für Ärzte, Eltern und Psychotherapeuten eine Herausforderung. Ein Behandlungskonzept, das diesen Kindern besser helfen kann als bisher, wird dringend benötigt. Aber glauben sie, dass Kinder zum Therapeuten gehen sollten? Wenn es Anhaltspunkte für schwere Entwicklungsstörungen gibt, ja. Von einer „Psychiatrisierung“ des Kindesalters generell halte ich gar nichts. Die Psychiatrie sollte den Eindruck vermeiden, dass sie aus Selbsterhaltungsgründen auf ein immer jüngeres Klientel abzielt. Meine Freundin Hanna wurde als hyperaktiv diagnostiziert. Ehrlich gesagt gibt es in meiner Klasse eine ganze Menge Kinder, die mit dem Hyperaktivitätsproblem ADHD diagnostiziert wurden. Es scheint fast, als ob jetzt alle ADHD haben! Die Psychiatrie, wie die gesamte Medizin, unterliegt gesell-schaftlichen und wissenschaftlichen Trends oder vorübergehenden Vorlieben. Ich persönlich glaube nicht an eine ADHD-Epidemie oder daran, dass viele Kinder mit Bewegungsdrang psychisch krank sind und Psychopharmaka brauchen. Es gibt möglicherweise das gesellschaftliche Bedürfnis, Kinder ruhig zu stellen, dem die Psychiatrie nachgekommen ist. Auch die Frage, ob ein Kind aktuellen Kriterien zufolge bipolar erkrankt ist, ist nur sehr schwer zu beantworten. Ich hoffe nicht, dass es ein gesell-schaftliches Bedürfnis nach bipolaren Kindern gibt. Wenn der Psychiater ein Interesse an seinem Patienten hat und die verfügbare Diagnostik gewissenhaft benutzt, wird er in der Lage sein, eine schwere psychische Störung auch bei einem Kind zu erkennen. Alle anderen Kinder starten mehr oder weniger bewegungsintensiv in ihr Leben. Kürzlich wurde in einem Pressebericht behauptet, die bipolare Erkrankung sei von der Pharmaindustrie erfunden worden. Wie dem auch sei, am besten du bewahrst die Ruhe, bleibst du selbst und alles andere ergibt sich schon von selbst. Vielen Dank. Sie sind ein cooler Arzt! Dir auch vielen Dank. HECTOR MUELAS, INTERVIEW: NINA WOLTER | |||||||||||||||||||||||||||||||||